Das Projekt „EVV – Emanuel-Vogt-Verzeichnis“

1. Ausgangspunkt: Tod des Vaters und erste Annäherung an sein Werk

Mein Vater, KMD Emanuel Vogt, Bezirkskantor in Windsbach, ist im Jahr 2007 gestorben; aufgrund seiner schwachen Konstitution und einer nachfolgenden Erkrankung nicht unerwartet, aber doch viel zu früh.
Ab diesem Zeitpunkt verwaiste sein Arbeits- und Kompositionszimmer mehr und mehr – einschließlich der darin befindlichen musikalischen Schätze. Er hinterließ ein umfangreiches kompositorisches Werk.

Kurz vor seinem Tod begann ich, sein Werk in den Blick zu nehmen und aufzuschreiben, was er an Noten gesetzt hatte, sei es in eigenen Kompositionen oder in Bearbeitungen. Damals konnte ich ihn noch zu dem einen oder anderen Werk befragen, doch dann hat uns sein Tod überholt.

Meine damaligen Aufzeichnungen – mühsam erstellt auf einem alten Laptop und ohne wesentliche Kenntnisse von Excel oder Access – sind leider im „digitalen Nirwana“ verschwunden. Geblieben ist in den darauffolgenden Jahren das Gefühl, dieses Projekt irgendwann wieder aufnehmen zu müssen.


2. Der Verkauf des Hauses Gottesruh und die Sicherung des Nachlasses

Brigitte, die zweite Frau meines Vaters, hat ihn um viele Jahre überlebt; sie ist am 23. April 2023 gestorben. Damit war das „Haus Gottesruh“ in Windsbach seiner letzten Bewohnerin beraubt und wurde später verkauft.

Sabine und Kathrin Vogt – Töchter aus dieser Ehe – kümmerten sich um die Auflösung des Haushalts. In diesem Zusammenhang kamen auch die Kompositionen meines Vaters wieder ins Spiel. Was tun damit?
Zunächst verschwand alles, was nach Noten aussah, in zwei Umzugskartons von jeweils etwa 15 kg Gewicht: Originale, Kopien, Druckerzeugnisse, private und dienstliche Unterlagen, Presseartikel, Fotos usw.

Als Sohn aus der ersten Ehe durfte ich dieses Konvolut an mich nehmen und nach Bohlsen bringen – zunächst ohne konkreten Plan, aber mit der Gewissheit, dass es nicht verloren gehen würde. Ein Plan entstand erst etwas später.


3. Die Idee eines Werkverzeichnisses

Es sollte eine systematische Liste entstehen, zunächst in Excel, mit wichtigen Kriterien sowie Such- und Filterfunktionen. Die Kompositionen sollten digitalisiert werden, und schließlich sollte das Werk einen guten Platz in einem Archiv finden.


4. Der Beginn der Arbeit im Jahr 2025

Im Jahr 2025 nahm das Projekt konkrete Gestalt an. Die beiden riesigen Umzugskartons schienen mir fast täglich zuzurufen: „Nun mach doch endlich mal was!“ Also wagte ich mich daran, sie zu öffnen.

Als Erstes fielen die Papier-Silberfischchen auf, die sich dort sehr wohlgefühlt hatten. Danach folgte eine große Ratlosigkeit und die Frage:
Wie soll das gehen? Wo und wie fange ich bloß an?

Ein gewisser Pragmatismus half weiter. Das Material glich weitgehend einer ungeordneten Loseblattsammlung. Ob mein Vater ein System hatte, lässt sich nicht mehr klären – vermutlich nicht.


5. Praktisches Vorgehen und technische Voraussetzungen

Die Vorgehensweise war bald klar:
Die Noten sollten schlicht der Reihe nach registriert werden, so wie sie vorgefunden wurden. Parallel dazu sollten sie digitalisiert und anschließend sachgerecht gelagert werden.

Meine IT-Ausstattung wurde lediglich um einen schnellen Dokumentenscanner (Canon, gebraucht für 140 €) ergänzt. Alles andere war bereits vorhanden – inklusive der nötigen Hard- und Softwarekenntnisse.

Im Juni 2025 begann die konkrete Arbeit. Ein Stapel nach dem anderen ging durch meine Hände, und dabei wurde mir immer deutlicher, mit welcher musikalischen Kreativität und welchem unbändigen Fleiß unser Vater gearbeitet hatte. Er lebte für die Musik – oft wohl auf Kosten anderer, ebenfalls wichtiger Angelegenheiten.


6. Arbeitsschritte bei der Erstellung des Werkverzeichnisses

Die Arbeit folgte einem klaren Ablauf:

  • Sichtung des Materials
  • Vorbereitung für das Digitalisieren (Scanner nur DIN A4)
  • Vergabe einer Identifikationsnummer
  • Übernahme der Daten in eine Excel-Liste
  • Digitalisierung und Umbenennung der Dateien (meist als PDF)
    • Größere Formate wurden fotografiert und liegen im JPG-Format vor
  • Unterbringung der bearbeiteten Dokumente in stabilen, beschrifteten Kartons
  • Verfassen eines erläuternden Textes mit allgemeinen und besonderen Bemerkungen
  • Klärung der Verwertungsrechte durch einen Medienanwalt
  • Abschluss eines Schenkungsvertrags
  • Vorbereitung der Übergabe an das Landeskirchliche Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Nürnberg

7. Umfang und Vielfalt des Materials

Sehr schnell wurde mir bewusst, welches Ausmaß ich mir vorgenommen hatte. Zwei Umzugskartons fassen erstaunlich viele Noten.

Ich fand sie als lose Blätter, in Ordnern, Mappen, Klarsichthüllen, teils sorgfältig zusammengeklebt, wenn Werke mehrere Seiten umfassten. Sie lagen vor als Originale, Kopien, Bleistiftmanuskripte in Notenheften oder auch nur als Fragmente.

Viele Werke waren mit Angaben zur Besetzung versehen; bei anderen musste ich diese selbst erschließen. Dabei kann es durchaus zu Fehlzuordnungen gekommen sein – man möge mir dies verzeihen, da mir für eine exakte Bestimmung oft die fachliche Expertise fehlte.

So wuchs das Werkverzeichnis im Laufe der Monate stetig an. Die Arbeit war mühsam und zeitintensiv, aber zugleich außerordentlich bereichernd: Wer bekommt schon die Gelegenheit, sich so intensiv mit dem Werk seines Vaters zu beschäftigen und ihm auf diese Weise neu zu begegnen?


8. Bereits vorhandene wissenschaftliche Aufarbeitung

An dieser Stelle sei erwähnt, dass bereits 1998 eine Facharbeit über die Windsbacher Psalmen Emanuel Vogts entstanden ist. Sie bietet einen umfassenden Einblick in die Entstehungsgeschichte der Psalmenbearbeitungen, analysiert die musiktheoretischen und -praktischen Ansätze meines Vaters und enthält zudem eine vollständige Sammlung der entsprechenden Notensätze.


9. Abschluss der Arbeiten und Perspektive

Nach mehr als einem halben Jahr intensiver Arbeit waren schließlich rund 2241 Kompositionen und Bearbeitungen erfasst. Parallel dazu fanden Gespräche und Kontakte statt:
Ein Besuch im Archiv und ein Treffen mit dem zuständigen Archivar Dr. Gleiß, der Austausch mit dem Strube-Verlag, mit Florian Duffe, dem Sohn von Helmut Duffe, Nachfolger meines Vaters im Amt sowie mit Karl-Friedrich Beringer, beides langjährige Freunde und Weggefährten meines Vaters.

Private und dienstliche Unterlagen sowie Druckerzeugnisse gingen nach Berlin an Kathrin Vogt. Die frühen Werke aus den Jahren 1943 bis 1960 – sämtlich handschriftlich – befinden sich im Besitz meiner Tochter Johanna, sind jedoch vollständig fotografiert und Teil des Werkverzeichnisses.

Die Verwertungsrechte sind geklärt und vertraglich geregelt. Die Übergabe der Sammlung an das Archiv ist März geschehen – in der Gewissheit, das Werk meines Vaters in guten Händen zu wissen und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben.

Damit bleibt es der Nachwelt erhalten..


Johannes Vogt-Krause im Juli 2026

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